torquemada schrieb am 15.08.2003 09:06[/i]
Ich finds immer wieder witzig, wenn Japaner versuchen Englisch zu sprechen, ich glaube, mir würde was fehlen, wenn die das besser können.
Lies auch nach bei Christoph Neumann "Darum nerven Japaner", Seite 118ff ("Englisch hassen lernen")

Ein Crashkurs in Japanisch gefällig? Beginnen wir mit den Farben: »guriin, buruu, reddo, iero«. Na, wenn Sie wissen, daß Japaner gerne zusätzliche »u« und »o« in Fremdwörter packen und außerdem alle »l« wie »r« aussprechen (also genau andersrum als die Chinesen!), haben Sie sich schon zusammengereimt, daß dies die verhunzten englischen Namen für die Grundfarben sind. Die Japaner haben natürlich auch eigene Wörter für die Farben (»midori, aoi, akai, kiiroi«). Aber Antragsformulare in der Uni sind nach »guriin, buruu, reddo, iero« unterschieden, die Sofas im Möbelhaus sind nur in diesen Farben erhältlich, bei Autolackierungen und Wandfarben wird man vergeblich nach »midori« oder »aoi« suchen, und auch in vielen anderen Alltagssituationen wird lieber das englische Wort verwendet. Selbst das japanischste aller Nahrungsmittel heißt immer öfter »Raisu« im Restaurant. Da jeder Japaner mindestens sechs Jahre Englisch in der Schule hatte, ist die Verwendung eines einzelnen, nicht allzu komplizierten englischen Wortes in der Alltagssprache kein Problem - vorausgesetzt, man spricht es nach den oben angerissenen »Katakana«-Ausspracheregeln aus, denn ihre Englischlehrer waren ja auch Japaner.
Nur die Ältesten haben noch ihre Probleme. In einer Quizsendung werden als Kandidaten ältere Bäuerinnen eingeladen, die Fragen zum modernen Leben beantworten müssen, deren
Antwort jedem Japaner unter 70 selbstverständlich ist. Die oft noch rüstigen Damen nehmen sich gelegentlich gern selbst auf die Schippe. Vor kurzem wurde hier nach dem englischen Wort für »gelb« gefragt. Erstmal Schweigen. Dann breites Lachen nach dem Motto: »Woher sollen wir so was wissen?« Dann doch ein paar Versuche (buruu, reddo), bevor die gewiefteste der drei Kandidatinnen triumphierend auf die Klingel schlägt und »ierooo!« schreit.
Japanisch ist eine jahrhundertealte Kultursprache - natürlich gibt es für die meisten Katakana-Englisch-Wörter ein präzises Gegenstück im Japanischen. Aber Japaner unterliegen bei ausländischen Wörtern gerne der »Illusion der Bedeutungsverschiebung«. Allein, daß das Wort aus einer fremden Sprache kommt, erzeugt das Gefühl, daß da etwas mitschwingt, was man nicht so einfach übersetzen kann. Da traut man dann der eigenen, sonst so hochgelobten Kultur nicht mal zu, daß gelb überall gelb ist, und übernimmt sicherheitshalber lieber das ausländische Wort. Gegenstände, die neu ins japanische Alltagsleben strömen, bekommen gleich einen englischen oder englisch-ähnlichen Namen. Selbst bei einer originär japanischen Erfindung wie dem »Walkman« hatten die Sony-Manager offensichtlich nicht genug Vertrauen in die Kraft ihrer eigenen Muttersprache. So ist es verständlich, daß ich wie fast alle nichtenglischsprachigen Ausländer in Japan nicht nur Japanisch gelernt, sondern auch mein Englisch unglaublich verbessert habe. Nicht nur, weil ich als Ausländer häufig in »internationale« Situationen komme, in denen die Weltsprache ihren Platz hat. Nein, erst in Japan konnte ich mir merken, was »Kanne«, »Ofen«, »Steckdose« oder »Regal« auf Englisch heißt - weil die Japaner sich selbst für diese Alltagsdinge keine japanischen Namen abringen können. Eine ungesunde Einstellung haben die Japaner aber nicht nur gegenüber dem Englischen, sondern auch gegenüber ihrer eigenen Sprache, denn der Großteil der Japaner ist - bewußt oder un-bewußt - nicht dazu bereit, mit einem weißen Ausländer Japanisch zu sprechen. Dabei - Binsenweisheit - lernt man eine Sprache, indem man sie spricht. Wir wollen ja mit den Japanern japanisch sprechen, aber sie lassen uns einfach nicht. Wer sich bemüht, mit den Einheimischen in der japanischen, der Landessprache, zu reden, bekommt oft auf Englisch zu hören: »Wo haben Sie denn so gut Japanisch gelernt?« Oder, falls der Angesprochene kein Englisch kann, zumindest ein fließendes »No, no!« und die Konversation ist beendet. Auf das, was man inhaltlich gesagt hat, geht keiner ein. Aus meinem Mund kann noch so viel Japanisch kommen; mein weißes Gesicht läßt bei ihnen eine innere Schranke fallen: Der ist anders, wir können einander nicht verstehen. »Verstehen« schließt für sie anscheinend auch »meine Sprache verstehen« ein. Japanisch ist für sie eben nicht irgendeine Sprache, es ist ihr Wesen, ihre Art, ihre Kultur, und das alles können sie nicht teilen.
Auf einer Studenten-Begegnungsparty redeten ein Holländer und ich - beide sprachen wir zu diesem Zeitpunkt leidlich Japanisch - mit einer 18jährigen, die gerade erst an die Uni gekommen war. Die junge Frau fragte uns tausend Sachen - auf Englisch. »Where are you from?« Wir antworteten auf Japanisch. »How do you like Japan?« Wir erzählten auf Japanisch, daß es uns ganz gut gefällt. »What do you study?« Wir nannten unsere Fächer - auf japanisch. Und dann fragte sie: »Do you speak Japanese?« Der Holländer begann noch mit einer Erklärung, aber dann mußten wir beide losprusten. Sie hatte uns nur nach Schema F abgefragt. Wahrscheinlich stand es so in ihrem Englisch-Lehrbuch, im Kapitel »Erste Begegnung mit Ausländern in Japan«. Ähnliche Geschichten hat jeder in Japan lebende Ausländer zu Dutzenden parat. Ein deutscher Bekannter meint hierzu resigniert: »Gerade Japaner, die fließend englisch sprechen, pochen wenig auf eine englische Konversation, sondern sind jederzeit bereit, auf Japanisch umzustellen. Mit anderen Worten: Je schlechter sie Fremdsprachen können, desto
penetranter bestehen sie darauf, sie zu sprechen.«
Einige Ausländer nennen diesen Typ von Japanern »Sprachvergewaltiger«. Sie haben nur Interesse an unserer fremden Sprache, nicht an unserer Person. Sie sprechen uns an, weil sie sehen, daß wir einem anderen Kulturkreis angehören und weil sie ihre Fremdsprachenkenntnisse ausprobieren wollen. Daß sie eigentlich kein Interesse an uns haben, zeigt sich daran, daß sie sich sofort verabschieden, wenn sie merken, daß wir Japanisch können.
Gegenüber dem Englischen haben die Japaner ein total gestörtes Verhältnis. Sie glauben, daß Englisch nicht nur Weltsprache ist, sondern auch überall auf der Welt gesprochen wird, daß Ausländer kein Japanisch lernen können oder wollen und daß alle weißen Ausländer Amerikaner sind und daher Englisch als Muttersprache sprechen. Diese Zwangsneurose gegenüber dem Englischen wird zum großen Teil von Geschäftemachern, den Eikaiwa-Schulen, gefördert. Eikaiwa heißt »Englisch-Konversation«, an diesen Schulen unterrichten Amerikaner, Engländer oder Australier ihre Muttersprache, und das ist oft auch deren einzige Qualifikation. Japanisch können die wenigsten Eikaiwa-Lehrer, weil sie nicht aus Interesse an Japan kamen, sondern von den Schulen ins Land gelockt wurden mit der Aussicht, in ein, zwei Jahren ein paar schnelle Yen für die Rückkehr ins Heimatland zu machen. Ohne spezifisches Studium haben sie von Sprachunterricht oder von den theoretischen Grundlagen der eigenen Sprache natürlich keine Ahnung. Oder erklären Sie mal einem Japaner mit rudimentären Deutschkenntnissen den Unterschied zwischen Konjunktiv l und Konjunktiv 2 - auf Deutsch! Nicht selten waren diese Lehrer bis vor kurzem Türsteher oder Kellnerinnen, gerne in Kalifornien, die ein Flugblatt wie das folgende, das ich in San Francisco auflas, nach Japan lockte: »Unterrichten Sie Englisch in Japan und verdienen Sie 3.000 bis 4.000 Dollar im Monat! Für alle Berufe geeignet. Unterrichts- und Auslandserfahrung ein Plus,
aber nicht notwendig. Keine Notwendigkeit, Japanisch zu können. Sie werden in einer vierwöchigen Ausbildung auf Ihren Job vorbereitet.« In vier Wochen qualifizierter Englischlehrer; damit wird man in Deutschland ja noch nicht mal Hilfsfahrlehrer. Die Eikaiwa-Schulen sind dennoch so dreist, mit genau diesem Mangel an Qualifikationen zu werben: »Bei uns unterrichten nur Muttersprachler«, und sogar: »Bei uns findet der Unterricht ausschließlich auf Englisch statt« haben sich schon als conditio sine qua non für Englischunterricht in Japan durchgesetzt. Und die penetrante Betonung der »Englisch-Konversation« und das völlige Ignorieren von Grammatik, Rechtschreibung oder Stil, als wäre Englisch die einzige Sprache ohne Regeln und System, hat wohl auch ihren Grund darin, daß die Qualifikation der meisten Lehrer zu nichts anderem ausreicht als sich zu unterhalten.